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kermit

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Taucht ein in meine kleine Bücherwelt, lasst euch in Rezensionen, Neuigkeiten und kleinen Annekdoten treiben und verweilt doch ein bisschen bei gemütlichem Teichgeflüster. ...weil ein gutes Buch immer ein bisschen Paradies ist.

Fünf Viertel einer Orange.

Fünf Viertel einer Orange - Joanne Harris Es gibt Bücher, an die ich aus welchen Gründen auch immer hohe Erwartungen habe. Und dann gibt es jene, die mich völlig unvorbereitet treffen und aus dem Nichts heraus begeistern. Und genau so ein Werk ist "Fünf Viertel einer Orange". Ich habe schon die Chocolat-Bücher der Autorin mit viel Freude gelesen, aber das hier ist im besten Sinne noch einmal etwas ganz Anderes.Für Spaß am Buch muss einem jedoch zunächst einmal Joanne Harris Schreibstil liegen, denn der ist sicher nicht jedermanns Sache. Die Geschichte lebt von Beschreibungen, von zwischen den Zeilen klingender Atmosphäre und von einer Grundstimmung, die für mich nur schwer in Worte fassbar ist. Wen Frau Harris Wortwahl nicht davonträgt und all die Sinneseindrücke, Gefühle und Persönlichkeiten wahrnehmen lässt, der wird sich hier vielleicht schwer tun und ich kann eine Leseprobe nur empfehlen. Denn auf den Kern der Handlung reduziert, ist dieses Buch nichts nie da Gewesenes. Weder inhaltlich, noch in Sachen Knalleffekten erfindet Frau Harris das Rad neu und trotzdem hat mich ihr Werk eingesaugt, wie das manch selbst ernannter Actionthriller nicht geschafft hat. Die Geschichte wird aus der Sicht der Französin Framboise erzählt und allein schon durch den Aufbau der Erzählung schafft Frau Harris Spannung. Abwechselnd erfährt man von den prägenden Ereignissen in Framboises Jugend und ihrer Gegenwart und nur Stück für Stück kommt man dabei hinter ihr Geheimnis. Hier ist auch die Kurzbeschreibung meiner Meinung nach etwas irreführend. Dieses Buch ist keine fröhliche Familiengeschichte mit einem überraschenden Mord, der Jahre später aufgeklärt werden will. Vielmehr bekommt man einen Einblick in den Zweiten Weltkrieg jenseits der Schlachtfelder und auch Framboises Familiensituation ist, ohne zu viel verraten zu wollen, ungewöhnlich. Das ist gerade deshalb so spannend, weil man als Leser auch aktuelle Geschehnisse kennt und weiß, dass damals etwas passiert sein muss, dass alles verändert hat. Und das jetzt wieder Einzug in Framboises Leben hält. Beide Geschichten lesen sich toll und werden von der Autorin durch die geerbte Kladde gut miteinander verknüpft. Man liest eigentlich nicht von zwei Handlungen, sondern folgt einer Geschichte zu verschiedenen Zeiten. Und vor allem liest und leidet man mit Framboise mit. Ich weiß nicht, was diese französischen Autorinnen an sich haben, dass mich ihre Hauptdarstellerinnen so faszinieren. Aber Framboise ist einfach ein großartiger Charakter! Sie ist eigenwillig, ungewöhnlich und schwierig. Und dann auch wieder weich, liebevoll und voller Charme. Sie hat nicht nur grobe Konturen, die bei genauerem Hinsehen schnell verblassen, sondern eine Persönlichkeit, die alleine schon ein Buch füllen könnte.Die einzige Schwierigkeit bei diesem Buch ist, seinen Zauber in Worte zu fassen. Ich denke es ist ein Fall von "Liebe auf die erste Seite" oder "Einmal und nie wieder". Für mich hat jede Zeile vibriert und ich konnte das Buch auch angesichts von Wind und Wetter an Bahnhaltestellen kaum aus der Hand legen. So eigenwillig "Fünf Viertel einer Orange" auch sein mag, kann ich nur jedem empfehlen, ihm eine Chance zu geben!Fazit: Dieses Buch hat Charakter! Es ist wie mit dem Käse: wer auch Sorten abseits des milden, leicht bekömmlichen Goudas zu schätzen weiß, für den könnte "Fünf Viertel einer Orange" schnell zur Geschmacksexplosion werden.