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kermit

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Taucht ein in meine kleine Bücherwelt, lasst euch in Rezensionen, Neuigkeiten und kleinen Annekdoten treiben und verweilt doch ein bisschen bei gemütlichem Teichgeflüster. ...weil ein gutes Buch immer ein bisschen Paradies ist.

Fräulein Smillas Gespür für Schnee

Fräulein Smillas Gespür für Schnee - Peter Høeg, Monika Wesemann Das war hier wirklich ein Sprung in sehr kaltes Wasser. Der Stil des Autors wirkte auf mich kühl, fast schon klinisch und ich hatte das Gefühl, als wollte der Autor es dem Leser hier alles andere als einfach machen. Er gibt die Geschichte mehr wieder, als mit ihr bewusst unterhalten zu wollen und spart sich unnötige Beschreibungen. Was der Hauptperson nicht ins Auge fällt, darüber erfährt man nichts weiter und so fiel es mir schwer, mir ein Bild von den Szenen zu machen. Ich würde aber behaupten, dass das vielleicht sogar gewollt war, auch wenn es mir persönlich nicht so ganz zugesagt hat.Durch diesen sehr fokussierten Stil hat man als Leser nämlich gar keine andere Wahl, als sich voll und ganz auf die Hauptdarstellerin zu konzentrieren: Smilla Jaspersen, Herz und Seele des Buches. In Grönland und mit einer einzigartigen Beziehung zu Eis und Schnee geboren, zieht sie nach dem frühen Unfalltod ihrer Mutter nach Dänemark und durchlebt dort eine von Auflehnung gegen alles im Allgemeinen und den Vater im Speziellen geprägte Jugend. Sie war nie einfach und das hat sich auch mit dem Alter nicht geändert. Smilla ist eine wirklich schwierige Hauptperson mit mehr als einer Ecke und trotzdem fand ich sie unheimlich interessant. Sie ist selbst ein bisschen wie die Eisberge, über die sie so viel weiß. Gezeichnet von schroffen Kanten liegt ein Großteil ihrer Persönlichkeit unter der Oberfläche und der ist mindestens so gefährlich, wie faszinierend. Man kann nicht wegsehen, wenn sie auftaucht, aber gleichzeitig bleibt sie immer ein Stück entfernt, immer ein bisschen außerhalb der Reichweite. Ich weiß gar nicht, wie ich ihre Sogwirkung in Worte fassen soll. Aber es stimmt, was bei mir unter dem Klapptext stand: Irgendwann wird es unerheblich, was sie sagt, solange man ihr nur lauschen kann. Eine großartige Protagonistin mit ganz viel Seele! Aber dadurch, dass man nur Smillas Sicht zur Verfügung hat und sie sich nicht gerade durch soziale Kompetenz auszeichnet, erfährt man leider nur wenig über die Nebencharaktere.Die Handlung selbst beansprucht aber auch eine gehörige Portion Aufmerksamkeit für sich. Dass Jesajas Tod wohl doch nicht ganz so viel mit einem Unfall zu tun hatte, wie man Smilla von verschiedensten Seiten glauben machen möchte, ist schnell klar. Aber davon abgesehen ist man als Leser anfangs genauso ratlos, wie Fräulein Smilla selbst. Wer könnte ein Interesse am Tod eines kleinen Jungen haben? Und warum finden sich keine Spuren einer Gewalttat, obwohl es eine gewesen sein müsste? Zusammen mit der Protagonistin geht man diesen und noch jeder Menge anderer sich mit der Zeit auftuender Fragen nach und auch wenn einiges klar ist, weiß der Autor immer wieder zu überraschen. Ich will an dieser Stelle gar nichts über die Geschehnisse verraten, weil das Erkunden und Rätseln an Smillas Seite dank deren beeindruckender Auffassungsgabe einfach nur ein Erlebnis ist. Mir hat das Rätselraten und häppchenweise Aufdecken von Informationen wirklich gut gefallen und ich musste feststellen, dass sich irgendwann Smillas Misstrauen alles und jedem gegenüber auf mich übertragen hat. Es hätte wirklich die perfekte Jagd sein können, wenn nicht der anfangs erwähnte Schreibstil gewesen wäre. Für meinen Geschmack gab es einfach zu viele zähe Passagen und ein oft verwirrendes hin-und-her Springen in der Zeit. Frei nach dem Motto: Tolles Drehbuch und fähige Schauspieler, aber eine miese Kameraführung. Auch das große Finale war für meinen Geschmack etwas unbefriedigend, aber das dürfte Geschmackssache sein.Fazit:Ein Roman, an dem es für mich inhaltlich nur wenig auszusetzen gibt und dessen Faszination vor allem in der ungewöhnlichen Protagonistin und ihrer Sichtweise liegt. Leider geht meiner Meinung nach viel Atmosphäre und Lesefreude in der sprachlichen Umsetzung verloren.